Zeit für einen Apfel

Früher, ja, früher hatte Lilli das Weihnachtsfest geliebt. Überall duftete es nach Vanille, Zimt und Nelken. Es wurde viel gewispert, geraschelt, gebacken und gesungen – bis dann endlich der große Tag da war. Der Tag, an dem der Weihnachtsmann kam. Und das Herz vor Aufregung bis zum Hals klopfte. Der Heilige Abend.Inzwischen war Lilli aber erwachsen geworden und ihre Wangen waren nur noch rot vor Anspannung und Stress.

Viel zu schnell war die Adventszeit vergangen und sie fühlte sich nun überrollt von all den Dingen, die in den letzten Stunden vor der Beschwerung noch zu tun waren. Und von der Tatsache, dass sie den Rotkohl beim üblichen Mega-Einkauf vergessen hatte. Und die Batterien für Marthas neue Sprechpuppe. Die obligatorische Gans war schon im Ofen und verbreitete einen köstlichen Duft. Das Federvieh brauchte ja immer Stunden, bis es mit knuspriger Haut und saftigem Fleisch auf dem Tisch stand. Opa hatte – so wie jedes Jahr – beim Schmücken des Christbaumes zu jeder Kugel einen Cognac gezwitschert. Und lag nun schnarchend auf dem Sofa. Bis zur Bescherung war er dann wieder fit. So war es jedes Jahr.

Leise seufzend zog sich Lilli ihren Mantel über und schnappte sich den Regenschirm. Es goss in Strömen und von der weißen Weihnacht, die der Wetterbericht versprochen hatte, war weit und breit nichts zu sehen. Gänsebraten ohne Rotkohl würde Opa ihr nie verzeihen und bei der kleinen Martha würden dicke Tränen kullern, wenn die Sprechpuppe sprachlos bleiben würde. Also blieb ihr keine andere Wahl. Auf der Einkaufsstraße angekommen, wurde Lilli bewusst, dass sie wohl nicht die Einzige war, die etwas vergessen hatte.

Überall nur Menschen auf der Suche nach letzten Geschenken. Oder eben Rotkohl und Batterien. Der historische Marktstand, der mitten in dem Trubel stand, hatte keine Besucher. Für Bratäpfel und Christstollen blieb jetzt keine Zeit mehr. Nur noch eine Stunde und die Geschäfte schlossen ihre Türen. Ihr Blick blieb plötzlich an einem alten Mann hängen, der einfach nur so im Regen stand und sie unentwegt anschaute. Nasse Haarsträhnen klebten ihm im Gesicht, aus seinem vollen, weißen Bart tropfte es unentwegt, aber er lächelte. Der Trubel schien einfach an ihm vorbei zu rauschen. Lilli fühlte sich irgendwie magisch von ihm angezogen. Sie konnte es sich aber überhaupt nicht erklären, warum dieser Mann so eine Anziehungskraft auf sie ausübte.

Sein roter Mantel schien viel zu dünn zu sein, aber offensichtlich fror er nicht. Er lächelte sogar mit seinen Augen. Und plötzlich kam er ein paar Schritte auf sie zu. »Komm, Lilli, ich lade Dich auf einen Bratapfel ein. Die hast Du als Kind doch immer so geliebt…« und zwinkerte ihr mit seinen warmen Augen schelmisch zu. In Sekundenbruchteilen überlegte Lilli, ob in ihrem knappen Zeitfenster Platz war für so ein Angebot. Und schon stand sie da mit einem zuckersüßen, knallroten Apfel in der Hand. Das war das Paradies. Wohl genau deswegen hießen die auch so seit sie denken konnte. Die Beiden sprachen nicht viel, sondern schauten sich gemeinsam die ersten, zarten Schneeflocken an, die sich nun doch auf den Weg zur Erde gemacht hatten. In der Nähe dieses seltsamen Mannes war es warm. Lilli fühlte sich wohl wie schon lange nicht mehr und eine eigenartige Stimmung erfasste sie.

Weihnachtsstimmung. Dankbarkeit breitete sich in ihr aus. Dieser Mann hatte es geschafft, den Zauber dieser besonderen Tage in ihr zu entfachen. Der Tanz der Schneeflocken tat sein Übriges. SO geht Weihnachten, dachte Lilli. Ihr Blick wollte sich wieder auf ihre nette Gesellschaft richten, aber er war weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Ein Mann, der sich anscheinend in Luft aufgelöst hatte. Wie verrückt war das denn? Lilli musste kurz ihre Gedanken sortieren und stiefelte mit entschlossenen Schritten los. Schließlich musste sie noch Besorgungen machen.

Dann hatte sie es geschafft. Rotkohl und Batterien lagen im Einkaufswagen und brav sortierte sich Lilli in die lange Schlange an der Kasse ein. Ganz leise summte sie „Stille Nacht, Heilige Nacht“ vor sich hin und freute sich nun von ganzem Herzen auf die kommenden Stunden. Doch plötzlich stockte ihr der Atem. Dieser mysteriöse, alte Mann hatte sie doch beim Namen genannt! Und er kannte ihre Leidenschaft für Bratäpfel! Woher wusste er all das? Wer war dieser Kerl bloß? Im Grunde war es Lilli aber auch egal. Nicht jedes Rätsel ließ sich lösen. Immerhin war die Weihnachtsstimmung dank dieses weißbärtigen Mannes wieder in ihr Herz eingezogen und das war wohl das Allerwichtigste…

(Foto: Pixabay; Autor: Jacqueline Waschke)